Stolpersteine

Die »Stolpersteine« des Künstlers Gunter Demnig erinnern an in der NS-Zeit verfolgte Menschen. Die kleinen Messingplatten befinden sich meist vor den letzten frei gewählten Wohnorten der Opfer und wurden deutschlandweit und in 26 weiteren europäischen Ländern verlegt. 

 

Die Beschäftigung mit Stolpersteinen in Berlin und Cottbus stand zu Beginn des Probenprozess: Über sie begann eine Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen von als Juden und Jüd_innen, BPOCs, Homosexuelle, Sorb_innen verfolgten Menschen. Die Stolpersteine geben unscheinbaren oder alltäglichen Orten im Stadtraum einen anderen Kontext. Sie machen sichtbar, wie unsere Gegenwart – und die Orte, an denen wir wohnen, die Plätze oder Strassen, die wir beschreiten –, untrennbar mit der Vergangenheit verbunden sind.

 

Auf https://www.stolpersteine-berlin.de/de/stolpersteine-finden finden Sie eine Karte Berlins mit einer Vielzahl von Stolpersteinen und den dazugehörigen Opferbiografien. 

 

Die hier vorgestellten Biografien von Pawlina Krawcowa, Maria Pfeffel aus Cottbus, Martha Ndumbe, Albrecht von Krosigk, der Familie Breslauer und Grete Walter aus Berlin fanden in leicht überarbeiteter Form Einzug in den Stücktext. 

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Pauline Krautz/Pawlina Krawcowa
 

VERLEGEORT                                 Sandower Straße 3, Cottbus
GEBOREN                                       18.12.1890 in Dahlitz/Dalic
VERHAFTUNG                               1938 in das Frauengefängnis Cottbus /                                                            Grund: »Hochverrat«
TOT AN HAFTFOLGEN                   16.09.1941 in Kolkwitz/Gołkojce

 

Pawlina Krawcowa/Pauline Krautz ist ein kreativer, fantasievoller Mensch.

Schon in jungen Jahren ist sie fasziniert von den, in ihrer Region,

getragenen Trachten und gelebten Bräuchen.

Pawlina ist die älteste Tochter des sorbischen Zimmermanns Christian Renus aus Dahlitz bei Cottbus/Chóśebuz.

Sie entwickelt schnell eine Leidenschaft für das Nähen.

Pawlina ist eine kreative, fantasievolle Frau.

Eine die die Dinge selbstbewusst und selbständig anpackt.

1926 eröffnet sie als Schneidermeisterin ein eigenes Geschäft für sorbische Trachten nahe der Cottbuser Oberkirche.

Pawlina fertigt als erste Trachtenpuppen in Serie an.

Pawlina reist viel, zum Beispiel zu Ausstellungen ins Ausland und berichtet über ihre Reise in Reisereportagen. Außerdem schreibt sie in niedersorbischer Sprache Artikel über die Belange der Sorbinnen und Sorben.

 

1937/38 gehört Pawlina Krawcowa zu jenen, die öffentlich die Umbenennungen slawischer Orts-, Fließ- und Flurnamen kritisieren. Dadurch gerät sie in das Blickfeld der Gestapo. Es folgt ein Aufruf der Nationalsozialisten zum Boykott der sorbischen Tracht, verbunden mit Denunziationen, die ein Bekenntnis zur sorbischen Zugehörigkeit erschweren.

 

In einem Bericht wird Pawlina Krawcowa »als eifrige Anhängerin der sorbischen Sonderbestrebungen« bezeichnet.

Im August 1938 wird Paulina verhaftet, verhört und schließlich in das Cottbuser Frauengefängnis überstellt. Sie wird wegen »Hochverrats« verurteilt.

Ihr Geschäft wird geschlossen. Innerhalb kurzer Zeit verschlechtert sich dort ihr Gesundheitszustand.

 

Im September 1941 stirbt Pawlina Krawcowa im Alter von 50 Jahren an den Folgen der Haft.

 

Pawlina schreibt einen letzten Brief an ihre Freundin Mina Witkojc.

»Co jo cłowjek? Cogodla su młoge luźe tak falšne?

Was ist der Mensch? Warum sind manche Menschen so falsch?

Als ob in jeder Menschen Brust der Teufel wohnte –

ein Unmensch ist, wer ihn raus läßt –

und gerade in jetzigen Zeiten, wo ist da Nächstenliebe …

Warum fangen wir Krieg an,

dem sich die Menschen ausbluten

und der anderen wieder einiges Leid ins Herz gräbt

aber eine Gefesselte darf nicht mehr begehren als Wasser und Brot.

Was aber unterwegs zerbricht und liegen bleibt,

das ist wie überall … vergessen.«

Martha Ndumbe
 

VERLEGEORT                               Max-Beer-Str. 24, Berlin Mitte

VERLEGEDATUM                          29.08.2021

GEBOREN                                     27.07.1902 in Berlin

VERHAFTET                                  im November 1943 in Frauengefängnis                                                              Barnimstraße

DEPORTATION                              09.06.1944 nach Ravensbrück

ERMORDET                                   05.02.1945 in Ravensbrück

Martha Ndumbe ist die Tochter von Dorothea Grunwaldt aus Hamburg und dem Kameruner Jacob Ndumbe aus Douala. Jacob ist einer von 106 Menschen aus deutschen Kolonien, die im Treptower Park im Rahmen einer sogenannten »Völkerschau« zur Schau gestellt werden. Er gründet eine Familie in Berlin.

 

Die Ndumbes leben in der Schönhauser Allee 133. Im Sommer 1902 kommt Martha zur Welt. Die Familie kämpft ums finanzielle Überleben. Jacobs Einbürgerungsantrag wird abgelehnt. Martha ist 8 Jahre alt, als ihre Eltern sich trennen. Die Mutter zieht nach Hamburg. Jacob kann nicht für Martha sorgen: Er leidet an psychischen und körperlichen Gesundheitsproblemen und wird 1918 in das psychiatrische Krankenhaus Dalldorf zwangseingeliefert. Dort stirbt er ein Jahr später, als Martha 16 Jahre alt ist.

 

Kurz danach wird Martha selbst Mutter, doch ihre Tochter, Anita, überlebt ihren ersten Geburtstag nicht. Im Verlauf der 30er Jahre werden die meisten Schwarzen und POCs von Schulen, Universitäten und vielen Erwerbstätigkeiten ausgeschlossen. Auch Martha Ndumbe ist ab Mitte der 20er Jahre zu Prostitution und Kleinkriminalität gezwungen, um irgendwie zu überleben. Sie trifft den Berliner Kurt Borck, den sie 1932 heiratet.

Die Beziehung ist toxisch, geprägt von Gewalt. Kurt wird zu Marthas Zuhälter.

 

Er schickt sie auf die Straße und kontrolliert das Geld, das sie mit der Prostitution verdient. Kurt wird immer gewalttätiger.

 

1937 sammelt Martha die Kraft, ihren Ehemann und Zuhälter Kurt

bei der Polizei anzuzeigen. Kurt bekommt eine Haftstrafe. Marthas Existenz ist in der von den Nazis angestrebten Volksgemeinschaft zunehmend gefährdet. Schon vor 1933 wird die Polizei auf sie aufmerksam und verhaftet und verurteilt sie mehrmals wegen einer Reihe von Bagatelldelikten.

 

In der NS-Zeit ist sie als Wiederholungstäterin, Prostituierte und Nicht-Weiße in Gefahr. Die Nationalsozialisten gehen immer gewalttätiger gegen Personen vor, die nicht in ihr völkisches Menschenbild passen.

1943 lebt Martha in der heutigen Max-Beer-Str.

 

Im November 1943 wird Martha Ndumbe wegen Diebstahls und Besitzes von Diebesgut zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Offiziell wird Marthas Urteil am 31. Mai 1944 vollstreckt. Eine Woche später wird sie als sogenannte »Asoziale« ins KZ Ravensbrück gebracht.

 

Ravensbrück nannte man »Die Hölle der Frauen«.

 

Innerhalb eines Monats wird sie ins Lagerkrankenhaus eingeliefert. Dort stirbt Martha am 5. Februar 1945.

 

Martha wird 42 Jahren alt.

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Albrecht von Krosigk
 

VERLEGEORT                                 Motzstr. 9, Berlin Tempelhof-                                                                           Schöneberg                       
VERLEGEDATUM                            05.08.2011
GEBOREN                                       14.12.1892 in Gneisen (Posen)

ERMORDET                                     22.05.1942 in der

                                                         »Heil- und Pflegeanstalt« Bernburg

Albrecht von Krosigk ist der Sohn des Rittmeisters Gebhardt von Krosigk aus Ostpreußen. Albrecht soll, im Sinne seines Vaters, eine Militärlaufbahn einschlagen. Er nimmt am Ersten Weltkrieg teil. Nach der Niederlage Deutschlands ist Albrecht zunächst ohne Berufsperspektive.

 

Albrecht wohnt zeitweilig in Duisburg, Hamburg und zuletzt in Berlin, in der Motzstraße 9. Sein Berufsstart als Vertreter läuft nicht wie erhofft, er rutscht immer mehr ins kriminelle Milieu ab. Nach der Machtübernahme der Nazis versucht Albrecht von Krosigk, seinen Namen gewinnbringend einzusetzen und beruft sich auf seinen Namensvetter Graf Schwerin von Krosigk.

Schwerin von Krosigk ist Finanzminister im Hitler-Kabinett.

 

Und übrigens Großvater der AfD-Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch.

Albrecht versucht mit diesem Namen kleinere Geldbeträge für seine Geschäftsunternehmungen zu erhalten. Die Gestapo nimmt ihn fest und verhängt kurzzeitig Schutzhaft. Ein halbes Jahr später wird Albrecht wieder verhaftet. Diesmal weil er schwul ist. Schwuler Sex war zwar auch schon in der Weimarer Republik verboten, 1935 allerdings führten die Nazis den Paragraph 175 ein, eine krasse Verschärfung: ein falscher Blick, eine falsche Geste reichte schon, um als »homosexuell« bezichtigt und verhaftet zu werden.

 

Im November wird Albrecht ins KZ Fuhlsbüttel eingeliefert und drei Monate später zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nach der Haft kommt er zurück nach Berlin. Weil Albrecht Jüdinnen und Juden unterstützt, 

die sich gegen die zunehmende Entrechtung wehren, wird er polizeilich gesucht. Schließlich wird er in Begleitung eines jungen Mannes von der Gestapo verhaftet. Das Berliner Landgericht verurteilt ihn zu 18 Monaten Gefängnis und zur Einweisung in die Psychiatrie.

Im März 1941 wird Albrecht in die »Heil- und Pflegeanstalt Bernburg«

nach Brandenburg verlegt. Ein halbes Jahr später stirbt Albrecht von Krosigk.

Die »Heil- und Pflegeanstalt Bernburg« gehörte zu den »Euthanasie-Anstalten« des NS-Regimes. Hier wurden mehr als 10.000 Menschen ermordet.

Lotte Breslauer

 

VERLEGEORT                              Neustädterstraße 13, Cottbus

GEBOREN                                     Egon Breslauer, 22.10.1889
                                                       Lotte Breslauer, 13.07.1897
                                                       Ursula Breslauer, 09.05.1930

DEPORTATION                             1942 ins Warschauer Ghetto

TOD                                               ???

Lotte wächst in Cottbus auf. Als sie 25 Jahre alt ist stirbt ihr Vater.

Ihre Eltern besitzen eine Lederwarenhandlung in der Neustädter Straße in Cottbus, Lottes Mutter Bertha muss den Laden nun alleine schmeißen.

1925 heiratet Lotte Egon Breslauer, der nun in das Familiengeschäft mit einsteigt.

Egon ist Kaufmann. Er stammt aus Aldenau, polnisch Ódolanow und ist Mitglied des jüdischen Ordens Bnai Brith. Am 5. Mai 1930 wird in der Familie Breslauer die kleine Ursula geboren.

 

»An die Einwohnerschaft: Wer bei Juden kauft, ist ein Verräter am deutschen Volke«

 

heißt es im »Cottbuser Anzeiger« am 31.3.1933. Dann die Reichspogromnacht. Ab jetzt dürfen Jüdinnen und Juden keine Geschäfte mehr führen. Auch Familie Breslauer verliert ihre  Lederwarenhandlung.

Sie werden gezwungen ihr zu Hause zu verlassen und werden in das sogenannte »Judenhaus« in der Rossstraße 27 zwangseinquartiert.

Im April 1942 erfolgt die Deportation der Familie Breslauer in das Warschauer Ghetto.

In Güterwaggons gepfercht, fahren die Menschen ins Ungewisse. Ohne Wasser, ohne Nahrung. Das Ghetto bleibt für Breslauers nur ein Zwischenstopp. Wieder werden sie in Züge gezwungen, wieder rollen die Waggons. Dieses Mal heißt das Ziel Treblinka.

Aus Treblinka gibt es für Familie Breslauer kein Entkommen. In Treblinka gibt es nur Tod. 

Lotte Breslauer ist 45 Jahre alt. Egon 53 Jahre alt.

Das Kind, Ursula Breslauer ist gerade 12 geworden, als sie in einer Gaskammer des Vernichtungslagers Treblinka ermordet wird.

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Margarete (Grete) Walter

 

VERLEGEORT                                 Fuldastraße 12, Berlin Neukölln
VERLEGEDATUM                            14.11.2009
GEBOREN                                       22.02.1913 in Berlin 
FLUCHT IN DEN TOD                     21.10.1935 im Gestapogebäude Prinz-                                                            Albrecht-Straße

 

Grete Walter wird am 22. Februar 1913 geboren. Sie bekommt früh Kontakt zur Kommunistischen Jugendbewegung in Neukölln und nimmt an den Treffen der Straßengruppe »Lenin« teil. Nachdem sie die Schule abgeschlossen hat, findet sie eine Arbeit in der Firma »Kathreiners Malzkaffee«. Unter ihrer Leitung wird die illegale Werkzeitung

»Die Kathreiner-Mühle« herausgegeben. Wegen dieser politischen Aktivitäten verliert sie ihren Arbeitsplatz und kommt

auf eine »Schwarze Liste«. Grete darf vorerst nicht mehr arbeiten.

           

1932 ist Grete maßgeblich daran beteiligt, als sich junge Kommunist*innen gemeinsam SA Schlägertrupps entgegenstellen. Ihre antifaschistische Haltung und ihr entschlossenes Auftreten verhindern so einen größeren Einfluss der Nazis auf den Großteil der Jugendlichen in Neukölln.

Im März 1933 wird Grete Walter zum ersten Mal von der SS zum Verhör abgeholt, in das Gaubüro der SS am Halleschen Tor. Nach stundenlangen Misshandlungen wird sie wieder zu Hause abgeliefert. Grete bezieht ein möbliertes Zimmer, um nicht bei den Eltern gefunden zu werden.

Grete bekommt Arbeit im Kabelwerk Oberspree in Oberschöneweide.

Nach kurzer Zeit nimmt sie ihre illegale Widerstandsarbeit wieder auf.

Wieder gibt sie eine illegale Werkszeitung heraus, »Das Rote Kabel«.

Pfingsten 1934 fällt Grete Walter der Gestapo in die Hände. Sie wird ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz eingeliefert. Acht Tage lang wird sie misshandelt und gefoltert. In ihre Zellenwand ritzte sie: »Bleibt tapfer Mädels!«

Grete Walter nimmt nach der Freilassung ihre Arbeit wieder auf.

1935 wird sie entlassen und kommt als Landhelferin nach Pommern

in ein Arbeitsdienstlager. Auch hier wird Grete polizeilich überwacht.

Im Oktober 1935 wird Grete Walter erneut verhaftet. Sie wird ins Frauengefängnis am Alexanderplatz gebracht. Zu Verhören und Folterungen bringt man sie in die Prinz-Albrecht-Straße. Als Grete Walter glaubt, den faschistischen Folterknechten nicht mehr standhalten zu können, stürzt sie sich während einer Vernehmung am 20. Oktober 1935 aus dem vierten Stock des Gestapogebäudes in einen Lichtschacht.

 

Grete wurde nur 22 Jahre alt.

Maria Pfeffel

VERLEGEORT                              Wilhelmstraße 3, Cottbus

GEBOREN                                     25.03.1899 Dünaburg

GESTAPOHAFT                            16.11.1939, danach Deportation ins KZ                                                              Ravensbrück

TOD                                               24.04.1942

Maria Pfeffel lässt sich polizeiliche und behördliche Willkür nicht gefallen.

Maria ist eine stolze und selbstbewusste Frau. Eine, die sich gegen Demütigungen wehrt. Eine die sich nichts gefallen lässt. Auch nicht von Nazis.

 

Maria ist russische Jüdin und heiratet Anfang der zwanziger Jahre Oswald in Cottbus. Zwei Kinder werden geboren.

Die Ehe läuft nicht gut. Doch auch von Oswald lässt sich Maria nichts gefallen. Sie reicht die Scheidung ein. Das ist ab 1935 lebensgefährlich, aber: Maria ist eine stolze und selbstbewusste Frau.

 

Maria verliert den Schutz der sogenannten Mischehe. Damit verliert sie ihre Kinder. Beide werden Oswald zugesprochen. Die antisemitischen Schikanen und Demütigungen der Nationalsozialisten gegen jüdische Menschen nehmen weiter zu. Maria lebt nun allein in der Wilhelmstraße.

1939 erhält Maria (Magda aufstehen) eine Vorladung in der Sache

»Wohnungsangelegenheiten«. Die Wohnung in der Wilhelmstraße wird beschlagnahmt.

 

Maria wird in eines der sogenannten »Judenhäuser« zwangseingewiesen.

Grundlage für derlei Schikanen bildet ein sogenanntes »Gesetz über jüdische Mietverhältnisse«. Maria protestiert. Maria ist eine stolze und selbstbewusste Frau. Eine Frau die sich gegen Demütigungen wehrt. Eine die sich nichts gefallen lässt. Auch nicht von Nazis.

Den Nazis ist Maria ein Dorn im Auge.

Am 16.11.1939 holt sie die Gestapo ab. Für die Verhaftung wird keine Begründung angegeben. Von »Frechheit« ist die Rede. Maria wird deportiert.

Maria wird am 24.4.1942 im Alter von 43 Jahren im KZ Ravensbrück ermordet.

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