Projekt

»stolpern«

ist ein theaterpädagogisches Kooperationsprojekt zwischen der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin und dem Piccolo Kinder- und Jugendtheater Cottbus. Über mehrere Monate hinweg arbeiten die Theaterpädagogin Mai-An Nguyen und der stellvertretende Theaterleiter des Piccolo Theaters Matthias Heine zusammen mit Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 21 Jahren zum Thema Rechtsruck. Ausgangspunkt für das städteübergreifende künstlerisch-partizipative Format sind die »Stolpersteine«, eine Arbeit des Künstlers Gunter Demnig, mit der er an in der NS-Zeit verfolgte Menschen erinnert.

Projekt-

beschreibung

Was ist unser Motor? 

 

Während einerseits immer mehr Menschen traditionelle Lebenswege und -formen aufgeben, über neue Macht-, Ressourcen- und Privilegienverteilung gerungen wird, und Fragen gesellschaftlicher Teilhabe unabhängig von Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft, sexueller oder religiöser Identität ins gesellschaftliche Zentrum rücken, kehren auf der anderen Seite überwunden geglaubte Denk- und Sprachmuster zurück, die in der Ideologie des Nationalsozialismus wurzeln und denen es unbedingt etwas entgegenzusetzen gilt. Rassistische Attentate, verbale und physische Attacken auf Politiker*innen und Presse, Hass und Hetze gegen Personengruppen, die schon in der Zeit des Nationalsozialismus zu den Opfern zählten, gehören seit einigen Jahren leider wieder zum Alltag in Deutschland. Woran liegt das? Ist unser Gedächtnis zu schwach? Verblassen allmählich die Erinnerungen an die Schrecken der Nazizeit oder führen neue gesellschaftliche Ängste zur altbekannten Reaktion? Mit unserem Projekt wollen wir nachhaltig und fundiert zur öffentlichen Debatte beitragen.

Was ist »stolpern« eigentlich? 

 

Schon länger beschäftigt sich die Schaubühne auf unterschiedlichen Ebenen mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck. In der aktuellen Spielzeit geben wir diesem wichtigen Thema einen Schwerpunkt: Mit einem eine Spielzeit umfassenden theaterpädagogisch-künstlerisch-partizipativen Format in Kooperation mit dem Piccolo Kinder- und Jugendtheater Cottbus.

 

Das theaterpädagogische Projekt versucht Verbindungslinien zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen. Ausgehend von Stolpersteinen, die in beiden Städten zu finden sind, wird auf der Bühne nicht nur über die gemeinsame Geschichte, sondern auch die gemeinsame Verantwortung verhandelt. Begleitet wird die dabei entstehende Inszenierung von einem ausführlichen theaterpädagogischen Vermittlungsprogramm, das aus mehreren Workshops, einer Materialmappe und Publikumsgesprächen zusammengesetzt wird. Darüber hinaus verbindet die Schaubühne zwei unterschiedliche Diskursformate auf inhaltlicher Ebene mit dem theaterpädagogischen Projekt. So wird den zentralen Fragen nach der Erinnerung an Opfer des Naziregimes, dem Weiterleben rechtsextremer Ideologien und der gemeinsamen Verantwortung, diese in Zukunft zu überwinden, eine noch größere Sichtbarkeit und Plattform geboten.

Was macht
»stolpern« so besonders?

 

2022 hat das Projekt Stolpersteine 30-jähriges Jubiläum: »Ein Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig hält«. (www.stolpersteine.eu) Unzählige Stolpersteine sind in Berlin und in Cottbus zu finden. Was passiert nach dem Stolpern? Entweder man fängt sich wieder oder man fällt. Wie können wir uns als Gesellschaft wieder fangen, nach dem Stolpern, dem Rechtsruck? Welche Schritte sind dafür notwendig? Was sind junge Menschen, Erstwähler*innen bereit zu tun, um eine Welt zu gestalten, in der sie gern leben möchten? Heute und in Zukunft. Die Städte Cottbus und Berlin sind in der theaterpädagogischen Stückentwicklung »stolpern« Ausgangspunkt einer theatralen Untersuchung, die Sinnbild einer Gesellschaft sind, die – wie in diversen Medien und zahlreichen soziologischen Untersuchungen häufig beschrieben – im Kontext eines politischen Rechtsrucks mehr und mehr zu fragmentieren droht. Die beiden Diskursformate analysieren aktuelle, neofaschistische Dynamiken und überprüfen sie auf ihre je besonderen historischen Vorläufer und sozialen Ursachen.

Unsere Arbeitsweise

 

In einem achtmonatigen Probenprozess setzen sich Jugendliche aus Cottbus und Berlin ausgehend von den Stolpersteinen gemeinsam mit den individuellen Schicksalen während der NS-Zeit verfolgter Personengruppen auseinander. Dabei werden besonders die Perspektiven der homosexuellen Opfer des NS Regimes beleuchtet sowie die Leidensgeschichte des sorbischen Volkes, dass sich vor allem in der Lausitz verortet. Dazu arbeiten wir eng mit dem sorbischen Institut aus Cottbus und dem LSVD (Lesben- und Schwulenverband) Berlin-Brandenburg zusammen. In verschiedenen Formaten - biografischen Familien-Recherchen, persönlichen Gesprächen mit Überlebenden, Recherchereisen in Form von Besuchen von Gedenkstätten sowie Theater-Workshops mit Vertreter*innen marginalisierter Gruppen - reflektieren wir gemeinsam, wie diese Personengruppen bis heute Ausgrenzung erfahren und sammeln über diese Erfahrungen Material für das Theaterstück. Zugleich setzten sich die Jugendlichen mit sich selbst und ihren eigenen Lebensrealitäten auseinander: Welche Vorurteile haben sie über einander? Mit welchen Vorurteilen sehen sie sich aufgrund ihrer Herkunft konfrontiert? Und schließlich: In welcher Welt wollen sie leben? Was sind ihre Forderungen? Aneinander, aber auch an die Gesellschaft, in der sie leben? 

 

In »stolpern« wird Jugendlichen aus Cottbus und Berlin eine gemeinsame Bühne zur Verfügung gestellt. Sie sprechen nicht übereinander, sondern miteinander. Sie konfrontieren sich mit gegenseitigen Klischees, subvertieren und dekonstruieren diese. Sie benutzen den Raum, der ihnen hier zur Verfügung gestellt wird, um ihre ganz eigenen Visionen einer Zukunft zu entwickeln, sie blicken zurück auf die Herkunft vieler dieser Klischees. Vor allem aber konfrontieren sie das Publikum mit seinen eigenen Vorurteilen: Immer wieder werden die Zuschauer*innen auf ihre Projektionen über die Herkunft, den sozialen Background und/oder die Sexualität der Jugendlichen zurückgeworfen.

Wo wollen wir hin und
mit wem?

 

Um vielfältige Milieus auf der Bühne repräsentieren zu können, haben wir in der Besetzung der Gruppe Teilnehmende mit möglichst unterschiedlichem sozialem Background eingebunden. In diesem Sinne versteht sich »stolpern« als soziale Plattform, auf der Hemmschwellen und gegenseitige Vorbehalte verhandelt und bestenfalls abgebaut werden. Ein Raum, in dem der sogenannten »Fragmentierung der Gesellschaft« aktiv entgegengewirkt wird, indem sie zum Gegenstand einer kritischen Recherche gemacht wird. Die Diversität der Gruppe wird als ihre Stärke begriffen und ihre Differenzen bilden den Ausgangspunkt für die Grundfragen des Abends.

 

Durch das theaterpädagogische Projekt und die damit gekoppelten Gesprächsreihen lässt sich das Publikum als Zielgruppe breit fächern, da jedes Format unterschiedliche Altersgruppen ansprechen kann. Insgesamt werden so Menschen ab 16 Jahren angesprochen. Durch die Simultanübersetzungen (eines der Diskursformate) sowie Live-Stream und Aufzeichnungen können nicht nur ein deutschsprachiges (Präsenz-)Publikum, sondern auch Interessierte über Orts-, Milieu- und Sprachgrenzen hinaus zeitlich unbegrenzt erreicht werden.

Kooperation:

Sorbisches Institut

Cottbus

 

Die Cottbuser Zweigstelle für niedersorbische Forschungen des Sorbischen Instituts e.V. ist die erste wissenschaftliche Einrichtung, die sich im Rahmen der allgemeinen Thematik sprachlich-kultureller Minderheiten speziell mit dem Niedersorbischen und den Sorben/Wenden in der Niederlausitz beschäftigt. 

 

Im Rahmen des Projektes »stolpern« wurde die Recherche freundlicherweise von Dr. Peter Schurmann (Dr. Pětš Šurman), Wissenschaftlicher Mitarbeiter, unterstützt. So wurde sich intensiver mit der Geschichte der Sorb*innen der Lausitz beschäftigt und mit deren Rolle im nationalsozialistischen Deutschland bis 1945.

Sorb*innen hatten nicht in dem Maß wie Jud*innen unter den Nationalsozialist*innen zu leiden, waren aber dennoch Anfeindungen ausgesetzt. Das „Sorbische“ war den Nazis ein Dorn im Auge. So wurde aktiv gegen die sichtbare Zweisprachigkeit in der Region vorgegangen. 

 

Herr Dr. Schurmann brachte uns die Geschichte Pawlina Krawcowa mit - einer emanzipierten, jungen Frau die sich damals stark für die Belange der Sorb*innen einsetzte und deswegen den Nazis zum Opfer fiel. 

Pawlina Krawcowa wohnte damals im Cottbuser Stadtzentrum. Heute erinnert eine Gedenktafel und ein verlegter Stolperstein an ihr Schicksal.

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Projektbericht (von Mai-An Nguyen) / 01.07.2022

 

Am 15.10.2021 fand das erste Treffen auf Berliner Seite mit interessierten Jugendlichen statt. Die Proben waren jeden Donnerstag von 18-22 Uhr.

Parallel begann der Cottbuser Teil der Gruppe mit der Auseinandersetzung zum Thema. In beiden Gruppen wurde nach Stolpersteinen im direkten Umfeld der Teilnehmenden gesucht. Die Jugendlichen recherchierten daraufhin die Geschichten und Biografien der Stolpersteine in ihrer Straße/ihrem Viertel. Dabei wurden verschiedenste Perspektiven und Lebenswege beleuchtet, die oftmals nicht so weit entfernt sind von der aktuellen Lebensrealität der Teilnehmenden. Parallel dazu wurden Zeitzeug*innen- und Überlebenden-Berichte gelesen/gehört/geschaut.


Am 18.11.2021 lernten sich die beiden Gruppen das erste Mal kennen.
Vom 18. bis 19.12.2021 fand am Piccolo Theater Cottbus für die gesamte Gruppe ein Workshop-Wochenende statt. Am 18.12. leitete Howard Castell einen Workshop zum Thema Voguing - politischer Widerstand und Empowering über eine Kunstform. So wurde für die Jugendlichen am eigenen Körper erlebbar, wie sich politischer Widerstand in Kunst äußern kann.
Am 19.12. fand ein Schreibworkshop mit der Autorin Ewe Benbenek statt, in dem sich vor allem mit Ermächtigung im Akt des Schreibens beschäftigt wurde.

Zu Beginn jeder Probe fand eine Gesprächsrunde darüber statt, an welche historischen Ereignisse und Verbrechen in der vergangenen Woche gedacht wurde. Darunter zum Beispiel die Reichspogromnacht. Es werden nicht nur Ereignisse aus der NS Zeit eingebaut, sondern auch Ereignisse die als rechtsextrem oder rechtspolitisch eingeordnet werden und somit in der politischen Haltung und Menschenverachtung eine direkte Linie aus der NS Zeit ziehen. Dazu gehören zum Beispiel der Brandanschlag auf das Sonnenblumenhaus in Rostock Lichtenhagen oder die Tat des Attentäters von Halle.

 

Vom 14.-16.01.2022 fand eine Recherchereise nach Weimar und zur Gedenkstätte KZ-Buchenwald statt. Zur Vorbereitung des Besuches haben sich die beiden Gruppen in ihren jeweiligen Proben mit ihren Erwartungen und Ängsten in Verbindung mit diesem Besuch auseinandergesetzt. Durch das gemeinsame Gespräch darüber waren die Jugendlichen in der Lage sich auch gegenseitig während des Gedenkstätten Besuches zu unterstützen. Die Vor- und Nachbereitung stütze sich auf vorherige Gespräche und den Austausch mit Veronika Nahm des Anne Frank Zentrums Berlin, die uns mit ihrer Expertise mit historischem Lernen unterstützte.


Neben zahlreichen Gesprächen über das Erlebte wurde der Besuch in einem weiteren Schreibworkshop mit Ewe Benbenek am 12.02.2022 verarbeitet. In diesem Workshop wurde sich einerseits mit dem Gesehenen und den Emotionen dazu auseinandergesetzt andererseits fand in diesem Workshop eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema Zeugenschaft statt.
 

Für eine tiefergehende Recherche von Stolperstein Biografien in Cottbus trag sich der dieser Teil der Gruppe mit Dr. Peter Schurmann vom Institut Serbski in Cottbus. Mit dessen Unterstützung das Schicksal von Sorb*innen zur NS Zeit untersucht wurde. So fand auch eine sorbische Biografie Eingang in die Stückfassung.

Ab Ende März existierte die erste Stückfassung der Inszenierung. Diese besteht aus Texten zu Opferbiografien und den Texten der Jugendlichen, die im Laufe der Recherchephase und in den Schreibworkshop mit Ewe Benbenek entstanden.

 

Vom 11.-14.04. fand der erste längere, intensive gemeinsame Probenblock in Cottbus statt. In diesen Proben wurde die Inszenierung anhand der Stückfassung gemeinsam mit den Jugendlichen das erste Mal grob durchgestellt auf der Bühne. Der Ablauf und das Grundgerüst der Inszenierung war somit gesetzt und konnte nun auch individuell in Cottbus und Berlin mit den Jugendlichen geprobt werden,

 

Von Ende April bis Mitte Juni befand sich das Theaterprojekt »stolpern« in der sogenannten Endprobenphase. Das war die Phase, in der die Jugendlichen aus Berlin und Cottbus sich vermehrt in Probenblöcken zusammenfanden, um der gemeinsamen Inszenierung den letzten Schliff zu geben. In diesen Blöcken wurden vor allem gemeinsame Szenen und der grobe Ablauf der Inszenierung angelegt. Zwischen den Blöcken sind die Gruppen in ihren jeweiligen Szenen detaillierter an die Arbeit gegangen.

 

Am 10.06.2022 wurde die Inszenierung am Piccolo Kinder- und Jugendtheater zur Premiere gebracht. Die Premiere im Studio der Schaubühne am Lehniner Platz folgte am 17.06.2022.