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  • Caro Schaefer

Zeitverständigungen

Aktualisiert: 23. Mai

Gedenkveranstaltung zum 77.Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz im deutschen Bundestag.

10:55 Uhr.

Ich klicke auf PLAY.

Verspätet.

Die Veranstaltung geht schon fast ne Stunde.

77 Jahre sind historisch nichts.

Im Gegensatz zu einer Stunde in meinem Leben.

Das ist lang.

Für mich.

Aber 77 Jahre sind historisch nichts.


_


Der Probenraum 3 über dem Penny.

Irgendwas zwischen 21:32 und 21:57 Uhr.

Ich sehe auf meine Notizzettel vor mir.

Mai-An lächelt.

Lapo liegt auf dem Boden.

Marcus klappt seinen Laptop zu.

Lina und Magda teilen sich eine Mandarine.

Jule nickt mir bestärkend zu.

Jan sieht auf seine Uhr.

Pola summt.

Taha knackt mit den Fingergelenken.

Mate sieht mich gespannt an.

Wir sitzen im Kreis.

Ok.

Ich fang jetzt einfach mal.

Bin mir gar nicht so richtig sicher, wie ich anfangen soll.

Ähm.

Also.

Also ich hab heute morgen mit den Livestream aus dem Bundestag angeguckt.

Den Livestream der Gedenkveranstaltung anlässlich des 77. Jahrestages der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz.

Denn heute vor 77 Jahren.

Naja ihr wisst schon.

Zögerlich gestehe ich, dass ich verspätet eingeschaltete.

Ich erzähle.

Jiddisches Musikstück.

Zahlen.

Statistiken.

Reduzieren.

Die Geschichten.

Aber es sind doch Geschichten.

Nicht nur Zahlen.

Gedenken der ermordeten Juden und Jüd*innen.

Redner*innenpult.

Tränen.

Redner vergräbt sein Gesicht in seinen Händen.

Redner.

Zeitzeugin.

Inge Auerbacher.

Sie umarmen sich.

Sie drücken sich.

Sie halten sich.

Erinnerung wachhalten.

Visionen und Hoffnung schaffen.

Generationen zusammenbringen.

Fragen an die Geschichte stellen.

Antworten suchen.

Erinnern um jeder Gefahr entgegen zu wirken?

Erinnern um jeder Gefahr entgegen zu wirken.

DIE Juden.

DIE Deutschen.

DIE Muslime

gibt es nicht.

Habt Mut zur Intoleranz gegenüber den Intoleranten!

Inge Auerbacher.

31.12.1934.

Jüdisches Mädchen.

Viertes Lebensjahr.

Pogromnacht.

Deportation des Vaters und Großvaters.

Auswanderungsversuch.

Verbot des Besuches der staatlichen Schule.

Sechstes Lebensjahr.

Schließung der jüdischen Schule vor Beendigung der ersten Klasse.

Siebtes Lebensjahr.

Deportation nach Theresienstadt.

Mauern.

Hoher Zaun.

Stacheldraht.

Wenn man doch nur fliegen könnte.

Elftes Lebensjahr.

Befreiung und Emigration nach New York.

Elftes bis fünfzehntes Lebensjahr.

Krankenhausaufenthalt in New York aufgrund von Tuberkulose durch die Gefangenschaft.

Fünfzehntes Lebensjahr.

Erstmaliger Besuch einer Schule.

Achtzehntes Lebensjahr.

Abschluss an der High School.

Beginn eines Chemiestudiums.

Siebenundachtzigstes Lebensjahr.

Rede im Bundestag im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz.

Das Unfassbare zu greifbarer Erinnerung machen.

Indem sie ihre Geschichte erzählt.

Das Unfassbare zu greifbarer Erinnerung machen.

Damit es sich nicht wiederholt.

»Lasst uns zusammen einen neuen Morgen sehen. Dieser Traum soll nie verloren gehen!«

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